25 Jahre Mauerfall – 25 Jahre geteilte Geschichte

Hervorgehoben

Projektname: 25 Jahre Mauerfall – 25 Jahre geteilte Geschichte. Migrant_innen aus Ost und West erinnern sich.

Projektpartner: Arbeitsstelle Diversität – Migration – Bildung an der Leibniz Universität Hannover, Vietnam-Zentrum-Hannover e.V., Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V., Freundeskreis Lokal-Radio Hannover e.V. (Radio Flora), MISO-Netzwerk Hannover e.V., LAMSA Sachsen-Anhalt e.V., Stiftung Leben & Umwelt, Landeshauptstadt Hannover, Historisches Museum Hannover, Region Hannover

Projektkoordination: Netzwerk „Erinnerungswerkstatt“ an der Leibniz Universität Hannover

Ort: Hannover

Datum der Durchführung: 2013–2015

Standorte: Hannover und Magdeburg

Mitwirkende: Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Hannover und Sachsen-Anhalt

Zielgruppen: Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte, Menschen, die den Mauerfall miterlebt haben und junge Leute, für die der Mauerfall ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch ist.

Themen: Erinnerung und Zugehörigkeit, Repräsentanz und Teilhabe, Einwanderung in die DDR, Einwanderung in die BRD vor 1990, Einwanderung in das vereinte Deutschland nach 1990

Projektbeschreibung: Auch 25 Jahre nach dem „Mauerfall“ ist die migrantische Perspektive auf die Jahre des Umbruches 1989/1990 und die gesellschaftlichen Veränderungen im gesellschaftlichen Diskurs kaum präsent. Die Vereinigung beider deutscher Staaten wird als eine „deutsche“ bzw. „ost- und westdeutsche“ Angelegenheit wahrgenommen. Die Sichtweisen von Migrant_innen, die damals in Ost und West gelebt haben, sind bisher nicht in das kollektive Gedächtnis eingegangen. Anliegen des Projektes war, diese Leerstelle zu thematisieren und Impulse zu setzen:

  • einen Raum zu schaffen, in dem die ungehörten Geschichten und Erinnerungen von Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort kommen
  • am Beispiel „Mauerfall“ die beiden migrantischen Perspektiven Ost und West miteinander zu verbinden und einen „blinden Fleck“ in der Öffentlichkeit zu thematisieren
  • die Teilhabe von Migrant_innen an der kollektiven Erinnerung zu fördern
  • das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Menschen aus verschiedenen Generationen und Herkunftsgeschichten zu stärken
  • national geprägte Denkmuster zu reflektieren und damit Rassismus entgegen zu wirken
  • diese Zeitgeschichte nachhaltig zu dokumentieren

Im Mittelpunkt des Projekts stand eine Tagesveranstaltung im Historischen Museum Hannover (11.10.2014). In vier Erzählcafés gaben Menschen aus Einwandererfamilien Auskunft über ihre Erlebnisse und Einschätzungen zu dieser gesellschaftspolitischen Umbruchsituation. Dabei kamen Menschen zu Wort, die damals in der DDR bzw. in der BRD gelebt haben. Thematische Schwerpunkte waren z.B. Arbeit(markt)einwanderung, die Situation von Frauen sowie das Leben im Exil. Ein besonderer Akzent lag auf den unterschiedlichen Bedingungen der Einwanderung der Vietnames_innen. Im Abschlussgespräch wurde die Frage diskutiert, wie die Erinnerungen der Menschen mit Migrationsgeschichte zu einem Teil des gemeinsamen Gedächtnisses werden können und wie sich das in einem Museum spiegeln kann.
Flyer der Tagung zum Thema “25 Jahre Mauerfall – 25 Jahre geteilte Geschichte” (PDF)

Das Projekt wurde umfassend dokumentiert durch Video- und Audiomitschnitte, qualitative Zeitzeuginnen-Interviews durch Studierende der LUH und anschließende Veröffentlichungen. So bleibt ein Stück Zeitgeschichte erhalten.

  • Podcasts von radio flora:
  • 25 Jahre Mauerfall – Erzählcafé „Frauen in Ost und West“ & „Arbeit und Alltag“. In: Journal, Welt in Hannover; Rückblick auf die Tagungsveranstaltung von Suvar Düşmezer
  • Frau Ha und der Mauerfall. In: Journal, Welt in Hannover; Erzählcafés & Geschichte einer Nordvietnamesin
  • Ohne Moos nix los. In: Journal, Welt in Hannover; Bericht über Podiumsdiskussion zum Thema „Repräsentanz und Gleichstellung“ am 11. Oktober 2014
  • Mauerfall mit Migrationshintergrund. In: Deutschland Archiv, Bundeszentrale für politische Bildung; Besprechung von Irmhild Schrader und Anna Joskowski

Das Projekt reiht sich ein in eine Vielzahl von Aktivitäten, die die Erinnerungswerkstatt seit 2008 mit unterschiedlichen Kooperationspartnern in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt durchgeführt hat. Besonders zu erwähnen ist hier der Fachtag 2010 in Magdeburg, bei dem auch die mediale Darstellung der „Deutschen Einheit“ beleuchtet wurde.

Blinde Flecken aufdecken, Teilhabe gestalten – über die Arbeit der Erinnerungswerkstatt

1. Ausgangspunkt & Interessen
Warum sind die Perspektiven von Einwanderern und Einwanderinnen nicht Teil des kollektiven Gedächtnisses? Wie entwickeln wir eine erweiterte deutsch-deutsche Geschichtsschreibung, die national geprägte Denkmuster reflektiert und damit Rassismus und Ausgrenzung entgegenwirkt?
Diese Fragen sind Leitmotiv eines seit 2008 arbeitenden Werkstattprojekts an der Leibniz Universität Hannover, in dem das Thema „Geteilte Geschichte – Erinnerungen von Eingewanderten aus Ost und West“ in seinen verschiedenen Facetten beleuchtet wird.
Die Arbeit der Erinnerungswerkstatt verläuft auf zwei Ebenen, die miteinander verwoben sind: Forschung zum Themenkomplex „Einwanderung, Erinnerung und Zugehörigkeit“ und Kooperation mit außeruniversitären interkulturell arbeitenden Personen und Institutionen, aus der sich Impulse für weitergehende Initiativen entwickeln. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Kooperationen mit Migrantenorganisationen aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen sowie Einrichtungen der Bildungsarbeit und Museen.

Ausgangspunkt der Forschungsarbeit waren Fragen des „Geschichte-Machens“. Bei der Reflexion der Frage, wer warum wie repräsentiert ist, geht es immer auch um Fragen der Konstruktion von Differenz als konstituierendem Bestandteil der herrschenden Geschichtsschreibung. So hat die Bewegung „Geschichte von Unten“ am Beispiel von Frauen und Arbeitern die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen erforscht und dargestellt. Eine vergleichbare Auseinandersetzung mit der Repräsentanz von „Ethnisch – Anderen“ hat bisher nicht stattgefunden.

Ein in der Öffentlichkeit breit diskutierter Beitrag zu der Debatte um eine gemeinsame Geschichte war die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Er stellte die Frage nach Identifikationsquellen in einer Einwanderungsgesellschaft:
„Was bedeutet Geschichte als Quelle für Identifikation und Identität in einer Gesellschaft, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenleben? Wie kommt es zu einem ‚Wir’ in einer solchen Gesellschaft? Muss es viele Geschichten geben oder müssen sich die Vielen die eine Geschichte zu eigen machen?“ (2002)
Diese Alternativstellung galt damals als Meilenstein für die Debatte. Allerdings enthält die Aussage zwei Prämissen, die wir für fragwürdig halten:
1. Die vielen Geschichten stehen isoliert oder beziehungslos nebeneinander.
2. Es gibt eine einheitliche (National-)Geschichte.

Die Diskussion in der Arbeitsgruppe fokussierte sich zunehmend auf die Frage, ob unter globalisierten Bedingungen überhaupt eine einheitliche Geschichte möglich ist. Wir formulierten daraufhin diese die Arbeit leitende Hypothese:
Erinnerungskultur hat eine intergenerationelle Dimension, das heißt unter globalisierten Verhältnissen: Die Erinnerung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ist von den ideologischen, ethnischen, nationalen und religiösen Denkmustern des 20. Jahrhunderts geprägt. Die Gedächtnislandschaft der (gebildeten) „Generation Global“ hierzulande orientiert sich an transnational und transkulturell entgrenzten Erinnerungsorten. Historische Identität bildet sich tendenziell kosmopolitisch in der geteilten Überzeugung, Gewaltverhältnisse zu überwinden und für Menschenrechte einzutreten. Sie schließt eine Koexistenz der vielen, besonderen Geschichten nicht aus, sondern ein.

2. Erkenntnisgewinn
Am Anfang stand die Reflexion der eigenen „Gedächtnislandschaften“. Im Anschluss daran entwickelte eine Gruppe einen Fragebogen zu Aspekten von „Erinnerung“ und „Erinnerungsorten“, eine andere ein Leitfadeninterview zum „Mauerfall“ (2009). Damit reagierte die Erinnerungswerkstatt darauf, dass in der öffentlichen Aufmerksamkeit rund um das 20-jährige Jubiläum die „migrantische“ Perspektive (fast) nicht vorkam.
Die Auswahl der befragten Personen war nicht repräsentativ und orientierte sich an den Zugangsmöglichkeiten der Mitwirkenden. Beide Verfahren erfüllen keine wissenschaftlichen Standards. Einige Tendenzen in den Aussagen zum Mauerfall seien hier dennoch zusammengefasst:
1. Zugang und Deutung des Mauerfalls sind sehr stark gefärbt durch die biografische Situation, sei es durch die politische Überzeugung, seien es (geografisch-) herkunftsspezifische Zusammenhänge. Bei den Älteren kommt stärker ein emotionaler Bezug zum Ausdruck, der Zugang der Jüngeren ist eher intellektuell.
2. Der Mauerfall wird von allen Befragten mehrdimensional, teilweise gegenläufig, bewertet. Zwar finden sich viele Aussagen, die auf eine Assoziation „Zugewinn an Freiheit“ hindeuten, dies wird aber kontrastiert, eingeschränkt, relativiert durch andere Aspekte wie z.B. die Unsicherheit der wirtschaftlichen Situation, Utopieverlust, Nationalismus, Hegemonie. Als Lernerfahrung zieht sich durch fast alle Interviews der Appell zur Wachsamkeit für gesellschaftliche Entwicklungen.
3. Nicht eindeutig auszumachen ist, inwieweit die Befragten den Mauerfall als Ereignis „der Deutschen“ wahrnehmen. In einem Interview heißt es: „Die Deutschen freuten sich!“ Möglicherweise sehen die Befragten das Ereignis stärker in einem weltpolitischen Kontext.
Andere Studien (z.B. Nevim Çil) und auch die Interviews, die eine Gruppe von Studentinnen der LUH im späteren Verlauf des Projektes führte (2014), unterstreichen dagegen die These, dass Eingewanderte den Mauerfall und den Vereinigungsprozess eher aus der Beobachtungsperspektive und teilweise als Verunsicherung und Bedrohung wahrgenommen haben.

3. Öffentlichkeit
Anliegen der Arbeitsgruppe war und ist auch, sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen und die in der Bildungs- und Erinnerungsarbeit tätigen Institutionen zu einer Auseinandersetzung mit der Thematik anzuregen. Die erste Veranstaltung „Wir sind (auch) das Volk“ in der VHS Hannover (November 2009) verstanden wir als Kommentar zum offiziellen Gedenken. Und mit der Einladung eines Zeitzeugen aus Magdeburg haben wir explizit die „Ost-Perspektive“ einbezogen, die in Hannover bzw. im „Westen“ kaum eine Rolle spielte.
Der anschließende Fachtag in Magdeburg: „20 Jahre Deutsche Einheit aus der Sicht von Migrant_innen in Ost und West“ (Oktober 2010) vertiefte die Erkenntnisse und Sichtweisen für alle Beteiligten erheblich. Für viele war es die erste Gelegenheit, sich jeweils mit der „anderen“ Geschichte vertraut zu machen. Darüber hinaus griff er die Verantwortung von Politik und Medien auf: Wie können diese Institutionen zu einer mehrperspektivischen Darstellung und Deutung beitragen? Der Fachtag machte gleichzeitig die Notwendigkeit einer nachhaltigen Dokumentation deutlich. Dies war das wesentliche Ziel der Arbeit in den vergangenen Jahren und wird mit dem Projekt „25 Jahre Mauerfall – 25 Jahre geteilte Geschichte“ realisiert.

4. Fazit & Ausblick
Die Arbeit der Erinnerungswerkstatt in der bisherigen Konstellation wird mit diesem Projekt beendet. Der Prozess geht aber weiter. Die vielschichtigen Erkenntnisse und Erfahrungen sind multimedial dokumentiert und können als Ausgangspunkt für weitere Fragestellungen und Anschlussprojekte sowohl zu Fragen der Theoriebildung wie auch zur gesellschaftlich-politischen Arbeit dienen. Ein Überblick:
1. Die Dokumentationen in diesem Internetportal sind eine Informationsquelle für Zeitgeschichte und können als Material für weitere (Bildungs-)projekte genutzt werden.
2. „Mauerfall mit Migrationshintergrund“: Dieser Text im Deutschlandarchiv der Bundeszentrale für politische Bildung (Online) bietet eine zusammenfassende Reflexion der Arbeit. Er geht vor allem auf die unterschiedlichen Folgen der Einheit für die Einwanderer_innen in Ost und West ein.
3. Im Rahmen der Interkulturellen Woche 2015 unter dem Motto „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt.“ wird in Sachsen-Anhalt eine weitere größere Fachtagung mit dem Schwerpunkt „3. Generation“ stattfinden, in deren Rahmen die Diskussionen der Erinnerungswerkstatt fortgeführt werden.
4. Schrader/Joskowski/Diaby/Griese (Hrsg.): Vielheit und Einheit im neuen Deutschland. Leerstellen in Migrationsforschung und Erinnerungspolitik. Bildung in der Weltgesellschaft 8, Brandes & Apsel 2015.
ISBN: 9783955581602

Der Band – ein Arbeitsergebnis der Erinnerungswerkstatt – diskutiert neuere Forschungserkenntnisse und untersucht, warum die Sichtweisen von Eingewanderten aus Ost und West, die kaum Eingang in Gedenkfeierlichkeiten, Geschichtsbücher und das kollektive Gedächtnis gefunden haben, in ein neues, inklusives Narrativ des »Deutschseins« eingebunden werden müssen und welche Ansätze es dafür gibt.
Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen diskutieren Fragen von Teilhabe und Ausschluss, von Identität und gesellschaftlichem Zusammenhalt: interdisziplinär, politisch und praktisch. Es geht darum, »Erinnerungskultur« in »Erinnerungspolitik« zu überführen und zu einem Feld der Auseinandersetzung um Partizipation(-smöglichkeiten) marginalisierter Gruppen zu machen.

radio flora bespricht die Veröffentlichung ausführlich in einem Podcast, den Sie hier anhören und herunterladen können.

Mauerfall mit Migrationshintergrund

Impressionen aus Interviews mit Migrantinnen (Juli 2014)

Im Folgenden werden Impressionen aus qualitativen Interviews mit Migrantinnen zum Mauerfall überblicksartig vermittelt. Die Aussagen sind hier zusammengefasst und im Stil wörtlicher Rede wiedergegeben. Es handelt sich dabei nicht um die Originalsätze, sondern deren sinngemäße Wiederspiegelung. Die wortwörtlichen Originalaussagen sind in den leicht überarbeiteten Transkripten nachzulesen.
Die Interviews wurden im Sommersemester 2014 von drei Studentinnen im Rahmen des Seminars „Qualitative Sozialforschung“ an der Leibniz Universität Hannover durchgeführt.

Gabriela, geboren in Griechenland, 1978 zum Studium in die BRD gekommen & heute als Übersetzerin tätig
Zum Interview mit Gabriela …

Maria, geboren in Mexiko, von Beruf Sekretärin und 1984 wegen Heirat in die BRD gekommen
Zum Interview mit Maria …

Sarah, geboren in Italien und 1973 als Kind einer Gastarbeiterfamilie in die BRD gekommen, heute Geschäftsfrau
Zum Interview mit Sarah …

Roberta, geboren in Italien und 1964 als Kleinkind einer Gastarbeiterfamilie in die BRD gekommen, heute Hausfrau
Zum Interview mit Roberta …

Olga, geboren in Polen (Schlesien) und 1981 als Erwachsene zu ihrem Vater in die BRD gekommen, heute Rentnerin
Zum Interview mit Olga …

Maria, geboren in Chile, 1974 ins Exil in die BRD gekommen, heute als Sprachlehrerin tätig
Zum Interview mit Maria …

Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Gabriela

Impressionen aus dem Interview mit Gabriela, geboren in Griechenland, 1978 zum Studium in die BRD gekommen & heute als Übersetzerin tätig

Die ersten Eindrücke
Ich bin alleine hierher gekommen. Hab aber auch sehr viele Freunde hier gefunden, über die Universität. Es gab ganz viele, ganz tolle Leute, auch viele, die mir sehr geholfen haben, bei der Eingliederung hier in dieser Gesellschaft. Schlecht waren eher so die formellen Sachen. Ich musste zum Ordnungsamt, und das war ganz furchtbar. Also heute wäre es nicht möglich, sich Ausländern gegenüber so zu verhalten. Also ich habe viele positive Erfahrungen gesammelt, weswegen ich auch immer noch hier bin.

Und heute
Ich bin gerne hier. Ich fühle mich in der Gesellschaft angekommen und wenn Feindlichkeiten da sind, dann kann ich mich auch dazu äußern. Ich würde sagen, ich fühle mich wie eine Europäerin, die vielleicht mehrere Nationalitäten hätte, also nicht nur deutsch und griechisch. Und ich sehe auch, wie meine Kinder damit umgehen, also sie sagen nicht, der ist aus der Türkei oder aus Schweden oder aus dem Libanon oder aus Asien. Die sprechen irgendwelche Namen. Also ich finde die Kinder in diesem Alter, jetzt 16 – 18 Jahre alt oder jünger, die gehen ganz locker damit um, wenn man von zu Hause aus keine Ausländerfeindlichkeit schürt.

Über den Mauerfall
Also mein Vater war ein überzeugter Kommunist und ich hatte keine negative Meinung vom Sozialismus in der DDR, aber was mich damals total gewundert hat, bevor die Mauer fiel, war wie die Leute über die Ostdeutschen gesprochen haben. Und dann schicken sie solche Benefits Richtung Ostdeutschland – das fand ich komisch.
Ich hab gehört, dass die Mauer fiel, aber was das bedeutet für Westdeutschland, das hab ich nicht richtig realisiert. Ich fand es schon irre, wie sie auf die Straße gingen und feierten und das fand ich schon toll. Ich hab das als eine Verbrüderung zwischen zwei Völkern, die auseinander gerissen wurden, gesehen. Also wir hatten sieben Jahre Diktatur und ich weiß noch wie, welche Freude auf den Straßen gefeiert wurde, an dem Tag als die Diktatur fiel. 1974. Daran erinnerte mich das ein bisschen.

Die Ostdeutschen im Westen
Als die vielen Ostdeutschen nach Westdeutschland kam, hab ich auch gesehen, was das bedeutete.
Ich empfand, dass diese Ostdeutschen hier genauso aufgenommen wurden wie Ausländer. Das waren für mich Menschen, die auch wirklich entwurzelt wurden, auch wenn sie zunächst gerne nach Westdeutschland kamen. Die hatten auch ihre alten Erinnerungen an ihre Heimat. Ich hab mich mit ihnen teilweise identifiziert, ehrlich.
Ich empfand die Ostdeutschen als sehr bescheidene Menschen, was mir gut gefallen hat. Ja, sie hatten noch etwas Authentisches. Und die Westdeutschen, also wenn die nur den Lokalkolorit, also den Dialekt hörten, haben sie sie dann gleich so abgestempelt.

Was Besonderes aus der DDR
Die Situation der Frauen in Ostdeutschland war besonders. Sie haben ja alle die Möglichkeit gehabt, ihre Kinder zum Hort zu bringen und den ganzen Tag zu arbeiten und ich empfand diese Frauen als feministischer als die Frauen in Westdeutschland.

Transkription des kompletten Interviews mit Gabriela (PDF)

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Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Maria (Mexiko)

Impressionen aus dem Interview mit Maria, geboren in Mexiko, von Beruf Sekretärin und 1984 wegen Heirat in die BRD gekommen

Die ersten Eindrücke
In der ersten Zeit war es sehr sehr negativ. Die Leute waren zu Ausländern sehr, wie soll ich sagen? Sie wollten mich nicht verstehen. Ich musste mich alleine durch kämpfen. Die Nachbarn waren sehr nett und haben mir sehr viel geholfen, die Familie nicht so. Das ging so bis ich in einen Kurs für Deutsch ging und da habe ich viele Italiener getroffen. Das waren meine ersten Freunde und dann später kamen die Mexikaner, die Freundschaften bestehen heute noch.
Ich denke, viele wussten, wo Mexiko ist, aber die wussten gar nicht welche Leute da leben. Oder meine Schwiegermutter z.B. sagte, sie hat im Fernsehen gesehen, dass die Leute ohne Schuhe gehen und arme Leute sind. Sie kannten gar nicht die andere Seite. Ich komme ja aus einer großen Stadt mit Geschäften, die auch sonntags offen waren. Wir kommen aus der Dritten Welt, aber es war dort glaube ich besser.
Es war sehr schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Es ist nicht wie in Mexiko. Du bist gleich mein Freund, komm essen und trinken und das. Aber ausländerfeindlich – das hat nicht nur mich getroffen, sondern auch andere.

Und heute
Ich habe ganz schnell auch Arbeit gefunden, in einer Fleischerei. Ich kann kein Deutsch, hab ich gesagt, kein Problem, solange ich das mache, wie sie mir das zeigen. So hab ich gelernt. Ich lebe jetzt hier 30 Jahre und nehme die Leute, wie sie sind. Wenn ich sehe, dass jemand ein bisschen zurückhaltend ist, dann ich drehe mich um und es interessiert mich nicht mehr. Jeder hat seine Persönlichkeit. Deutschland ist mein zu Hause jetzt. Und ich bin sehr pünktlich. Wir leben beide Traditionen, die deutsche und die mexikanische. Deutschland finde ich jetzt schön. Viele Blumen, die Leute im Garten, alles hier gibt es und alles ist grün. Also ich denke auch, man kann nicht immer von den Erinnerungen leben. Ich sehe mehr von Heute und der Zukunft.

Über den Mauerfall
Vom Sozialismus wusste ich nicht viel, nur über den Fernseher. Für mich war sehr traurig, dass die Menschen nichts kaufen konnten oder lange warten mussten, bis sie etwas bekommen.
Vom Mauerfall hab ich über das Fernsehen mitbekommen und mein Mann hat manchmal übersetzt. In Wolfsburg haben die Menschen alles leer geräumt, es war richtig Stimmung. Ich hab auch viel geweint, weil ich es nicht glauben konnte. So hab ich mich mit Deutschland verbunden gefühlt, weil mein Mann war Deutscher.

Die Ostdeutschen im Westen
Die Leute haben geweint und waren glücklich und die in der Nähe von der Grenze, die haben viel geholfen und haben Wasser gegeben und Essen. Aber dann, das hat mich auch überrascht, weil viele waren dagegen. Man konnte sehen, dass viele gar nicht nett waren, z.B. die Verkäuferinnen, die haben sich umgedreht. Man hat sie wie Ausländer quasi behandelt. Aber ich rede mehr von den älteren Leuten. Aber die DDR-Bürger… viele wurden ja auch von ihren Familien getrennt, es waren ja welche im Osten und auch im Westen.
Viele Deutsche sagen nach dem Mauerfall, es war nicht mehr das Gleiche. Man konnte nur einen Schuh vorm Geschäft lassen, weil sonst wären beide weg. Und ich denke, es war nicht wegen dem Mauerfall, weil hier im Westen, da sind viele Leute, die nehmen was ihnen nicht gehört.

Was Besonderes aus der DDR
Die Leute hatten viel Angst, aber die waren ganz anders als die Deutschen vom Westen. Ich denke die haben auch, wie in Mexiko, viel zusammen gemacht, die Familien waren immer zusammen. Und wir bezahlen jetzt Solidaritätssteuer. Ich hab gehört, es musste für eine kurze Zeit sein, aber es sind jetzt viele Jahre, und ich weiß nicht, wofür das Geld ist.

Transkription des kompletten Interviews mit Maria (PDF)

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Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Sarah

Impressionen aus dem Interview mit Sarah, geboren in Italien und 1973 als Kind einer Gastarbeiterfamilie in die BRD gekommen, heute Geschäftsfrau

Die ersten Eindrücke
Wir waren sehr euphorisch und neugierig, Deutschland kennenzulernen, die Traurigkeit kam später: Ohne die sizilianische Sonne, das Meer, das Gelb von den Zitronenbäumen. Was mich beeindruckt hat war, dass ich viele Leute getroffen habe, die aus verschiedenen Orten aus Italien kamen, ein Ghetto, eine italienische Familie. Die wussten, wo man einkaufen konnte und dass Kartoffeln das typische deutsche Gericht waren. Heute sage ich ganz ehrlich, es wäre besser gewesen, wenn wir zwischen deutschen Familien gewohnt hätten. Kontakt zu deutschen Freunden kam später. Und mit der Schule? Katastrophe, ich war im Rabenberg in einer Integrierungsschule, alles italienisch, da hab ich deutsch erst spät gelernt. Hänselei gab es so bisschen. Aber wir haben das nie so wirklich ernst genommen. Bei der Arbeit hab ich Glück gehabt, dass bei der Commerzbank Personal gesucht wurde. Aber heute sage ich, es wäre besser gewesen, wenn ich damals eine Ausbildung gemacht hätte.

Und heute
Ich vermisse Treffen auf der Piazza, italienische Geschäfte, ich lebe hier, seit wie vielen Jahren, es ist schön, aber ich habe sizilianisches Blut. Wenn ich natürlich einen Lebensstandard hätte in Italien wie hier, würde ich es machen, gehen, sage ich ganz ehrlich. Das tut mir wirklich leid, dass so ein Land, so ein schönes Land nicht in der Lage ist, auch eine gute Regierung zu haben. Aber heute sage ich immer, wir sind froh, hier zu sein und dass es uns so gut geht. Wir haben natürlich auch was dafür getan, mein Mann und ich. Wir haben uns selbständig gemacht mit Wein. Er hat hier wirklich was hinterlassen und deswegen gehen wir weiter. Das ist unsere Existenz. Meine Kinder.

Über den Mauerfall
Die DDR und der Sozialismus – nein, da war ich zu jung und das hat mich kaum interessiert. Wir haben gesehen, dass da viele Deutsche rüberkamen. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich habe mich sehr gefreut. Wir haben bisschen die Geschichte verfolgt von diesen Menschen, wie traurig das Ganze war. Als diese Mauer gefallen ist, fand ich das sehr schön, dass die Familien wieder zusammen waren. Sicherlich dann hat man gehört, jetzt muss Republik Deutschland viel Geld zahlen. Aber gut, was soll ich dazu sagen. Wir haben nur gehört damals, dass, Kohl war das, er gesagt hat im Fernsehen, ich werde euch zusammen bringen. Aber ein Stück von der Mauer wollten wir haben.

Die Ostdeutschen im Westen
Damals habe ich in der Sparkasse gearbeitet und jeder sollte 100 DM bekommen. Und da waren schlangenweise Leute in der Sparkasse, die das Geld ausgezahlt bekamen. Und ich kann mich erinnern, dass viele auch bisschen sauer waren.
Man hat gesehen, die Leute waren anders. Man merkte, dass diese Leute gelitten hatten. Schön fand ich auch diesen Akzent. Und ich fand auch sehr viele Leute, die sehr freundlich waren, z.B. da haben sie von uns den Kühlschrank gekauft und uns selbstgemachte Leberwurst mitgebracht und das fanden wir super, dass sie uns was gegeben haben, was sie selber gemacht haben. Ich schätze diese Leute sehr. Ich habe viele kennengelernt und ich muss sagen, diese Leute tun viel.
Einmal kamen Leute aus der Partnerstadt von Pesaro Urbine und man hat ihnen die Grenze gezeigt, da fing die Frau von dem Direktor der Sparkasse an zu weinen und zu sagen, wie schlimm das war, wo sie alle getrennt waren.

Was Besonderes aus der DDR
Positiv finde ich, dass wir in die neuen Bundesländer reisen können. Wir haben uns gefreut, mal andere Orte kennenzulernen.

Transkription des kompletten Interviews mit Sarah (PDF)

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Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Roberta

Impressionen aus dem Interview mit Roberta, geboren in Italien und 1964 als Kleinkind einer Gastarbeiterfamilie in die BRD gekommen, heute Hausfrau

Die ersten Eindrücke
Ich war ein Baby, meine Mutter war noch sehr jung, 17 Jahre alt, klar war‘ s schwer. Keine Sprachkenntnisse, aber sie hat schnell deutsch gelernt und nur gute Erfahrungen gehabt in Deutschland. Sie wollte nach dem Urlaub auch immer wieder zurück. Mein Vater weniger. Er war immer Arbeiten. Der kann heute noch ganz schlecht deutsch sprechen. Aber er versteht alles. Zuerst ist ein Bruder von meinem Vater hergekommen und hat ihnen eine Wohnung besorgt. Das war alles eine italienische Gemeinschaft. Bis neun Jahre konnte ich kein Wort deutsch.Von der Integrationsschule wurde man sofort in eine deutsche Schule katapultiert und ich konnte kein Wort deutsch. Ich wurde ein bisschen gehänselt aber später ging‘ s. Ich bin gut integriert, jetzt essen alle mittlerweile Spaghetti und Pizza (lacht). Ich bin aus der Schule raus, habe bei Aldi gearbeitet, habe im Werk einen Lehrgang gemacht. Und dann habe ich ganz früh geheiratet. Von Fremdenfeindlichkeiten haben wir gehört. Auch von Italienern. Aber viele haben sich das auch selber zuzuschreiben, wie sie sich benommen haben. Ist klar, dass es dann auch so zurückkommt.

Und heute
Man verändert sich auch so als Mensch. Wenn ich manchmal die Fotos sehe, lache ich mich tot. Die Eltern haben sich auch versucht immer anzupassen. Aber für meine Eltern war Italien immer die Heimat, die hatten vor, wieder zurückzugehen. Aber im Laufe des Lebens haben sie ihr Gedankengut verändert. Durch die Kinder haben sie beschlossen, hier zu bleiben. Sie waren drei Monate in Italien und dann immer glücklich, zurück zu sein. Meine Mutter liegt ja auch hier auf dem Friedhof. Sie wurde nicht überführt.

Über den Mauerfall
Ich wusste nur, dass es eine DDR gab, die habe ich aber nicht gesehen, also vor dem Mauerfall. Und danach haben wir eigentlich nur viele Trabis hier gesehen. Aber wir haben uns riesig gefreut. Ich fand das sehr schön, dass Deutschland wieder so vereint war. Ganz Wolfsburg war überlagert. Trabis, Trabis, Trabis. Ich konnte das nie begreifen, dass Deutschland so geteilt war. Wie die Mauer da gebaut wurde und die Leute sich aus dem Fenster geschmissen haben. Meine Eltern haben sich überhaupt nicht drum gekümmert. Die haben immer am Samstag Radio verfolgt. Italienische Lieder und Nachrichten. Das weiß ich noch ganz genau. Wie sich Wessis und Ossis in den Arm genommen haben ohne sich zu kennen und geheult haben, das war echt bewegend.

Die Ostdeutschen im Westen
Ja also das ist hier eine Leistungsgesellschaft und früher da nicht. Die waren da alle geborgen, dann waren sie hier verloren. Ellenbogengesellschaft, wer kann, wer schafft. Klar hat man dann viel rumgenörgelt. Auch vom Westen her, die dachten sich ja, jetzt kommen sie alle her und klauen uns die Arbeit, war ja auch so. Auch mit den Rentenzahlen, die hatten drüber nicht gezahlt und jetzt wurde das von unseren Kassen bezahlt. Da hat man sich genervt gefühlt hat. Seid froh, dass jetzt die Mauer gefallen ist. Man muss ja auch die Vorteile sehen. Man ist ein freier Mensch, man kann reisen wohin man will, man kann sein Leben gestalten wie man möchte, man kann seine Meinung äußern, das war ja bei denen nicht erlaubt. Da können die mir nicht erzählen, dass es früher besser war. Und die Ostdeutschen waren nicht so gut auf Ausländer zu sprechen. Zuerst war es schlimmer. Man hat das gespürt. Ja und dann irgendwann mal hat sich alles geglättet und alles ist eins geworden.

Was Besonderes aus der DDR
Rotkäppchen-Sekt haben wir von drüben, jetzt gibt es den hier. Haben wir auch zu schätzen gelernt.

Transkription des kompletten Interviews mit Roberta (PDF)

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Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Olga

Impressionen aus dem Interview mit Olga, geboren in Polen (Schlesien) und 1981 als Erwachsene zu ihrem Vater in die BRD gekommen, heute Rentnerin

Die ersten Eindrücke
In Breslau war das so, immer wenn ich einkaufen gegangen bin. „Schwab, was willst du hier?“ Das ist Schimpfwort auf uns. „Dein Platz ist da.“ Und da habe ich meinen Platz gesucht. Da wo mein Vater war. Und bin ich nach Deutschland gekommen und wieder. „Du Pole! Was willst du hier? Raus!“ Und ich habe gesagt: Oh Gott, was bin ich? Polen oder Deutsche oder wie? Das war traurig. Wie viele Male ich habe geweint. Da war ich Schwab, geh da wo dein Platz ist. Dann bin ich hierher gekommen. Pole. Ja.
Das war ganz schwer. Ich konnte nur paar Worte deutsch. Aber habe ich geschafft. Ich bin nach Deutschland gekommen als Rentnerin. Ich habe vom Cousin Fernsehen bekommen. Schwarz und Weiß. Und dann habe ich geguckt. Haben mich alle ausgelacht. Verstehst du kein Wort! Aber ich habe die ganze Sprache verstanden. Nach drei Monaten.
Ich kam mit dem Zug nachts und dann hab ich gleich gemerkt: das Licht ist ganz anders hier in Deutschland. Die Lampen so hell. Am nächsten Tag seh ich Auto Auto Auto Auto. Hab ich gedacht, ach, Hochzeit ist hier. Jemand heiratet, so viele Autos. Mein Cousin sagt, es heiratet keiner. Bei uns stehen jeden Tag so viele Autos.

Und heute
Welche Heimat? Ich habe zwei. Auf der Gemeinde war so eine liebe nette Frau. Die hat geholfen. Und mit der Blumenfrau hab ich Kontakt gehabt. War alles fremd. Jetzt wenn bin ich alleine, denke ich an alle Zeiten, wie ich dahin gekommen bin. Manchmal weine ich und lache ich. Zu Anfang war ein bisschen schwer. Aber das ist egal. Wo ich fahre hin, der Anfang ist immer schwer. Aber ich habe es gut gemacht.

Über den Mauerfall
Hab ich nichts gewusst. Hab nur das kleine Radio gehabt. Ich habe immer gesagt, das ist nicht gut! Deutsche hier, Deutsche da. Deutschland hier, Deutschland da. Und dann Mauer. Ich kann das nicht verstehen! Mit Polen ja! Aber nicht Deutschland und Deutschland.

Die Ostdeutschen im Westen
Viel Freude erst. Später dann ist das Begrüßungsgeld gekommen. Zweimal oder dreimal auch im Blumengeschäft. Ich kann nicht alles sagen. Ich muss sagen, ich habe jetzt viel viel positives, ist besser. Jetzt wir sind endlich alle Deutschland.

Transkription des kompletten Interviews mit Olga (PDF)

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Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Maria (Chile)

Impressionen aus dem Interview mit Maria, geboren in Chile, 1974 ins Exil in die BRD gekommen, heute als Sprachlehrerin tätig

Der erste Eindruck
Es war eine andere Gesellschaft. Ich habe zwei Vorteile gehabt. Als Teenie zwei Jahre in der USA. Ich war so im Herzen die Löwin. Ich kenne den american way of life sehr gut und ich habe Soziologie und Anthropologie studiert. Dadurch respektiere ich jedes Land. Ich habe nicht das Recht, als Ausländerin zu sagen, aber so muss es nicht sein, ich weiß viel besser als du.
Ich bin nicht Migrantin. Migranten bedeutet eine freiwillige Entscheidung. Und als ein Exilierter musst du sehen, wo kannst du angenommen werden und wo kannst du überleben. Es ist egal welches Land. Ein Migrant sucht sich ein Land aus und hat Träume. Heutzutage nimmt Deutschland keine, ganz wenig Exilierte mehr. Aber ich kann mich wirklich nicht beschweren, es war hier eine goldene Zeit. Die SPD war an der Macht und hat große Kontingente angenommen.Vielleicht ich muss dazu sagen, ich bin nie eine Anhängerin der DDR gewesen, nie Kommunistin.

Und heute
Als ich realisiert habe, ich hätte keine andere Möglichkeit gehabt als hier zu bleiben, wollte ich besser die sogenannte deutsche Mentalität kennenlernen und durch die beiden, Luther und Hannah Ahrendt habe ich mich mit der deutschen Mentalität befreundet. Wenn du nicht akzeptiert du sollst weg gehen. Also ich habe angefangen auch alleine die Sprache zu lernen. Ich mache mehrere Fehler, aber das ist mein Kennzeichen als Ausländerin. Ich wollte nicht eine Deutsche werden.

Über den Mauerfall
Ich war in Chile, habe es durch die Nachrichten gehört. Damals die Leute haben sich gefreut. Sowohl die linke als die rechte. Weil es war das Ende der Diktatur, nein nicht Diktatur, aber sie haben den Vergleich mit Chile gemacht. Später in Santiago haben wir ein „soziales Treffen unter Freunden“, so haben wir es für den Geheimdienst gesagt, gemacht und ich habe das erste Mal den Bericht von den Leuten, die in der DDR gelebt haben, gehört. Die waren meistens Kommunisten und als die Wendung gekommen ist, die Leute haben sich sehr unsicher gefühlt. Weil die netten Nachbarn von links und rechts, sie haben an die Tür geklopft, nicht um guten Morgen zu sagen, sondern sie wurden beschimpft, gehen sie zurück. Schmarotzer. Und ich saß auf meinem Bett und habe mich gefragt, was nun? Ich bin in einem Land schon mehrere Jahre und in meinem Land ich habe schon den Faden verloren. Und das hat mich sehr traurig und sehr unsicher gemacht.

Eindrücke über die Zeit danach
Es war eine große Empörung für mich bis heute, die Privilegien, die die oberere politische Schicht gehabt haben. Honecker war, glaube ich, nicht schlimmer als andere Diktatoren, er war ein typischer kommunistischer Leiter, Führer, Schluss aus, im Namen der Diktatur des Proletariats. Und die Chilenen sind sehr frustriert gewesen. Die mussten eine gute Position in der DDR und ein luxuriöses Leben hinterlassen und sind praktisch mit 23, 25 Kilo damals nach Hause.
Was feiern wir hier eigentlich? Die Vorurteile von 25 Jahren über die Ostdeutschen sind heute immer noch präsent. Wie lange braucht heute noch die Gesellschaft? Ich mache auch Vergleiche mit diesem Nationalsozialismus. Ich bin Ausländerin, ich muss das nicht verstehen. Damals wurde nicht über Ausländer gesprochen. Heutzutage ja – sogar unter den Jungen. Ich habe keine schlechte Erfahrung gehabt. Wenn ich den Mund zu habe, denkt man sogar, dass ich Europäerin bin, Italienerin, Spanierin. Aber es gibt eine sehr andere nette Art von Rassismus. Die Bewegung in der Nazi-Szene ist größer geworden. Und wenn die Arbeitslosigkeit schlimmer ist, was sollten die Leute feiern? Nochmal eine Lüge? Traurigerweise, sogar die jungen Leute trauen sich nicht, irgendwas Schönes anhand ihres ehemaligen Lebens in der DDR zu sagen. Weil er wird total schief angeguckt und als Kommunist bezeichnet. Diese Geschichte zweite Klasse Bürger steckt noch drin. Sie möchten der Welt zeigen, sie sind nicht faul. Ich als Chilenin habe gelernt, das Leben mit Humor zu nehmen. Und ich denke ihr, die neue Generation, habt das Sagen.

Transkription des kompletten Interviews mit Maria (PDF)

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