Mauerfall mit Migrationshintergrund – Interview mit Roberta

Impressionen aus dem Interview mit Roberta, geboren in Italien und 1964 als Kleinkind einer Gastarbeiterfamilie in die BRD gekommen, heute Hausfrau

Die ersten Eindrücke
Ich war ein Baby, meine Mutter war noch sehr jung, 17 Jahre alt, klar war‘ s schwer. Keine Sprachkenntnisse, aber sie hat schnell deutsch gelernt und nur gute Erfahrungen gehabt in Deutschland. Sie wollte nach dem Urlaub auch immer wieder zurück. Mein Vater weniger. Er war immer Arbeiten. Der kann heute noch ganz schlecht deutsch sprechen. Aber er versteht alles. Zuerst ist ein Bruder von meinem Vater hergekommen und hat ihnen eine Wohnung besorgt. Das war alles eine italienische Gemeinschaft. Bis neun Jahre konnte ich kein Wort deutsch.Von der Integrationsschule wurde man sofort in eine deutsche Schule katapultiert und ich konnte kein Wort deutsch. Ich wurde ein bisschen gehänselt aber später ging‘ s. Ich bin gut integriert, jetzt essen alle mittlerweile Spaghetti und Pizza (lacht). Ich bin aus der Schule raus, habe bei Aldi gearbeitet, habe im Werk einen Lehrgang gemacht. Und dann habe ich ganz früh geheiratet. Von Fremdenfeindlichkeiten haben wir gehört. Auch von Italienern. Aber viele haben sich das auch selber zuzuschreiben, wie sie sich benommen haben. Ist klar, dass es dann auch so zurückkommt.

Und heute
Man verändert sich auch so als Mensch. Wenn ich manchmal die Fotos sehe, lache ich mich tot. Die Eltern haben sich auch versucht immer anzupassen. Aber für meine Eltern war Italien immer die Heimat, die hatten vor, wieder zurückzugehen. Aber im Laufe des Lebens haben sie ihr Gedankengut verändert. Durch die Kinder haben sie beschlossen, hier zu bleiben. Sie waren drei Monate in Italien und dann immer glücklich, zurück zu sein. Meine Mutter liegt ja auch hier auf dem Friedhof. Sie wurde nicht überführt.

Über den Mauerfall
Ich wusste nur, dass es eine DDR gab, die habe ich aber nicht gesehen, also vor dem Mauerfall. Und danach haben wir eigentlich nur viele Trabis hier gesehen. Aber wir haben uns riesig gefreut. Ich fand das sehr schön, dass Deutschland wieder so vereint war. Ganz Wolfsburg war überlagert. Trabis, Trabis, Trabis. Ich konnte das nie begreifen, dass Deutschland so geteilt war. Wie die Mauer da gebaut wurde und die Leute sich aus dem Fenster geschmissen haben. Meine Eltern haben sich überhaupt nicht drum gekümmert. Die haben immer am Samstag Radio verfolgt. Italienische Lieder und Nachrichten. Das weiß ich noch ganz genau. Wie sich Wessis und Ossis in den Arm genommen haben ohne sich zu kennen und geheult haben, das war echt bewegend.

Die Ostdeutschen im Westen
Ja also das ist hier eine Leistungsgesellschaft und früher da nicht. Die waren da alle geborgen, dann waren sie hier verloren. Ellenbogengesellschaft, wer kann, wer schafft. Klar hat man dann viel rumgenörgelt. Auch vom Westen her, die dachten sich ja, jetzt kommen sie alle her und klauen uns die Arbeit, war ja auch so. Auch mit den Rentenzahlen, die hatten drüber nicht gezahlt und jetzt wurde das von unseren Kassen bezahlt. Da hat man sich genervt gefühlt hat. Seid froh, dass jetzt die Mauer gefallen ist. Man muss ja auch die Vorteile sehen. Man ist ein freier Mensch, man kann reisen wohin man will, man kann sein Leben gestalten wie man möchte, man kann seine Meinung äußern, das war ja bei denen nicht erlaubt. Da können die mir nicht erzählen, dass es früher besser war. Und die Ostdeutschen waren nicht so gut auf Ausländer zu sprechen. Zuerst war es schlimmer. Man hat das gespürt. Ja und dann irgendwann mal hat sich alles geglättet und alles ist eins geworden.

Was Besonderes aus der DDR
Rotkäppchen-Sekt haben wir von drüben, jetzt gibt es den hier. Haben wir auch zu schätzen gelernt.

Transkription des kompletten Interviews mit Roberta (PDF)

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